Universitäten haben zumindest die Möglichkeit, ein Tempel des Lichts zu sein. Fachhochschulen dagegen sind, schon von ihrer Idee her, eher Inkubatoren der instrumentellen Vernunft. Das klingt böse, ist aber zunächst nur eine Beobachtung mit leichtem Benzingeruch.
Die Universität, in ihrer besten, seltensten und fast schon mythischen Gestalt, ist jener Ort, an dem ein Mensch etwas wissen will, ohne schon im zweiten Satz sagen zu müssen, wozu das nützlich ist. Dort darf ein Gedanke noch einen Augenblick im Leerlauf laufen. Dort darf man Hegel lesen, ohne am Ende ein Zertifikat in Prozessoptimierung zu erhalten. Dort darf eine Frage noch größer sein als ihre Verwertbarkeit. Man betritt diesen Raum idealerweise nicht wie ein Kunde, sondern wie jemand, der ahnt, dass Wahrheit nicht identisch ist mit Anwendbarkeit.

Natürlich ist auch die Universität längst heruntergewirtschaftet worden zur Drittmitteljagd mit angeschlossener Selbstverwaltungshölle. Auch dort herrscht inzwischen das Regime der Anträge, Evaluationen, Kennziffern und Strategiepapiere. Auch dort muss Forschung “Impact” haben, Lehre “Outcomes”, und Denken am besten einen Business Case. Aber immerhin: Die Universität trägt ihre eigene Idee noch wie eine ruinöse Kathedrale mit sich herum. Selbst wenn es durch das Dach regnet, erkennt man noch, dass hier einmal etwas Höheres beabsichtigt war.
Die Fachhochschule ist ehrlicher. Oder brutaler. Sie macht aus der Zweckbindung kein Geheimnis. Ihr Gründungsmythos ist nicht Humboldt, sondern der Bedarf. Nicht Wahrheit, sondern Anschlussfähigkeit. Nicht Bildung, sondern Employability. Sie fragt nicht: Was ist? Sondern: Was wird auf dem Arbeitsmarkt daraus? Das ist nicht notwendig verwerflich. Brücken sollen schließlich halten, Maschinen funktionieren, Sozialarbeit nicht bloß dialektisch aufgeladen sein. Aber die Idee, dass Erkenntnis auch einen Eigenwert haben könnte, tritt hier oft nur noch als dekoratives Restlicht auf, wie eine Energiesparlampe im Flur einer Verwaltung.
An Fachhochschulen wird man in der Regel nicht zum Staunen erzogen, sondern zur Zuständigkeit. Man lernt, Probleme zu lösen, deren Voraussetzungen man nicht gestellt hat und deren Zwecke man besser nicht allzu genau prüft. Man wird vorbereitet auf jene moderne Form des Daseins, in der Intelligenz vor allem bedeutet, innerhalb gegebener Parameter effizient zu operieren. Das ist die instrumentelle Vernunft in Reinkultur: sehr wach, sehr organisiert, sehr kompetent — und in der entscheidenden Frage, wozu das alles eigentlich geschieht, von erfrischender Sprachlosigkeit.
Die Universität kann, wenigstens der Idee nach, den jungen Menschen noch verderben für die Welt, indem sie ihm beibringt, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Die Fachhochschule hingegen macht ihn eher funktionsfähig für eben diese Welt, freundlich, teamorientiert und PowerPoint-fest. Dort wird nicht die Gesellschaft in Frage gestellt, sondern der Workflow verbessert. Kritik erscheint als Unterform von Qualitätsmanagement.
Man muss das gerechtigkeitshalber ergänzen: Die Fachhochschule ist auch ein Kind der Demokratisierung. Sie hat Schichten an akademischer Bildung beteiligt, die von der alten Universität oft nur als Personal für den Heizungskeller vorgesehen waren. Sie ist sozial durchlässiger, praxisnäher, oft weniger eitel, manchmal sogar menschlicher. Während an der Universität noch der halbe Seminarbetrieb aus sublimiertem Narzissmus und Fußnotenfetisch besteht, sitzen an der Fachhochschule nicht selten Leute, die tatsächlich etwas können und es einem auch beibringen wollen. Das Problem ist also nicht ihr Personal. Das Problem ist ihre Idee.
Denn diese Idee lautet: Wissen ist Mittel. Bildung ist Qualifikation. Denken ist Werkzeug. Wahrheit ist das, was funktioniert. Genau an diesem Punkt beginnt die Finsternis der Moderne, geschniegelt, digitalisiert und drittmitteloffen. Die Fachhochschule ist nicht schuld daran; sie ist nur ihr ehrlichstes Bildungsinstitut.
Die Universität dagegen lebt noch vom Skandal ihrer eigenen Zweckfreiheit. Sie ist das letzte Milieu, in dem ein Mensch offiziell Zeit verschwenden darf, um vielleicht auf einen Gedanken zu kommen, der später alles verändert oder auch gar nichts. Das macht sie kostbar. Und unerquicklich. Und gefährlich. Denn wo nicht schon vorab feststeht, was am Ende herauskommen muss, da entsteht die Möglichkeit von Geist.
Darum sollte man die Universität verteidigen, selbst in ihrem erbärmlichen gegenwärtigen Zustand aus Modulhandbuch, Exzellenztheater und befristeter Beschäftigung. Nicht weil sie immer leuchtet. Sondern weil in ihr die Idee des Lichts noch nicht vollständig erloschen ist.
Die Fachhochschule dagegen leuchtet auch — aber eher wie das Display eines Ticketsystems.
