Gen Z regelt – und wer regelt die Gen Z?

Am Sammelpunkt an der Weseler Werft begann der Protesttag als Routine. Er endete auf der Zeil mit Wasserwerfern. Dazwischen liegt eine Leerstelle, die niemand füllen wollte.

Die Weseler Werft, Samstagmittag, grauer Himmel über dem Osthafen, die EZB im Rücken wie eine Kulisse, die sich für den Anlass ein bisschen zu gut eignet. Hierher hatte „Gen Z regelt“ zum Sammeln gerufen, und wer gekommen war, um die vielbeschworene Jugend zu sehen, musste sie suchen. Schülerinnen und Schüler: eine kleine Minderheit. Die Mehrheit der Jüngeren wirkte eher wie Menschen mit deutlich verzögerter Bildungsbiografie – und daneben, in großer Zahl, die übliche, routinierte Demo-Population dieser Stadt. Viele im Rentenalter. Man kennt sich. Man hat die Trommel dabei und trägt das Demo-Outfit lässig-links und bequem. Die Polizei zählte an der Werft 2.300 Menschen, später am Zug 8.000 – die Veranstalter hatten mit bis zu 9.000 gerechnet, die Behörden mit dem unteren vierstelligen Bereich. Beide lagen daneben, in entgegengesetzter Richtung.

Schülerin an der Weseler Werft
Eine der wenigen Demonstrantinnen an der Weseler Werft, die erkennbar Gen Z angehört und Schülerin ist. Foto: Carsten Prueser

Auffällig war etwas anderes: die wirklich ubiquitäre Bildgebung. An jeder Ecke ein Content-Creator, das Handy am Stab, live auf Sendung, die eigene Person im Vordergrund, die Demo als Hintergrund. Der Protest fand statt, aber er fand vor allem für die Kamera statt – nicht für die Kameras der Presse, sondern für die eigenen. Das ist nicht neu, aber an der Werft war es so vollständig, dass man sich fragte, wer hier eigentlich für wen demonstriert. Und wer hinsah, sah die Ware überall – nicht nur in den Streams. Selbst der Khimar in der ersten Reihe trug Strass-Monogramme, alle paar Zentimeter das Logo, Bella ciao im Markenstoff. Der Antikapitalismus hatte sich seine Garderobe längst beim Gegner besorgt.

Frau mit Khimar vor Roter Fahne
Protestschick oder verkanntes Symbol für Bildungsfortschritt? Fashion-Khimar an der Weseler Werft. Foto: Carsten Prüser

Die klassischen Medien hatten dem wenig entgegenzusetzen. Die einst stolze Frankfurter Rundschau hatte am Nachmittag noch eigene Leute am Zug – bis etwa fünf Uhr finden sich im Liveticker Beobachtungen aus erster Hand, Fotos vom Eisernen Steg, ein Clownskostüm am Römer. Dann wird es dunkel, und der Ticker wechselt die Quelle: Ab dem Abend berichtet die FR, was hessenschau.de berichtet, was die Polizei auf X schreibt und was in Livestreams „zu hören“ ist. Um 23 Uhr, Panzerwagen auf der Zeil, lautet der Befund der Rundschau, auf Social Media seien noch immer Böller zu hören. Als die Geschichte des Tages begann, saßen die Redakteure im Warmen und schauten denselben Streams zu wie alle anderen – Wahrnehmung aus zweiter und dritter Hand, das Geschnatter der Content-Creators als Quelle. Dass Journalismus darin besteht, hinzugehen und dazubleiben, scheint sich in der Krise der Branche als Luxus zu erweisen.

Und die Inhalte? Die Initiative hat ein Programm, man kann es nachlesen: mehr Geld für Schulen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten, für Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit, gegen Wehrpflicht und Überwachung, mehr Mittel für Suchthilfe und Psychotherapie. Das ist nicht nichts. Nur stand es an der Werft auf kleinen Pappen, handgeschrieben, in der zweiten Reihe. Die großen Banner, die, die ins Bild kommen, trugen die üblichen Klischeeforderungen einer Protest-Linken, die ihre Rituale so lange wiederholt hat, bis von den Ritualen nur noch die Form übrig ist. Was gerufen wurde, hat die FR am Nachmittag noch selbst notiert – „Merz, leck Eier“ vor allem, dann „Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstungsindustrie“, im Bankenviertel die Deutsche Bank als „Feind im eigenen Land“. Und auf dem Sprecherwagen, unter Jubel, die Palästinafahne. Vom elternunabhängigen BAföG, das eine Rednerin an der Werft tatsächlich gefordert hatte, war auf der Strecke nichts mehr zu hören. Wie die skandierte „Inter-natio-naaaaaale So-li-da-ri-tät“ die deutsche Bildungspolitik verbessern soll, blieb offen. Dass der Antikapitalismus in sonnigem Italienisch beschworen wurde, machte den trüben deutschen Herbsttag immerhin erträglich. Bella ciao, Frankfurt.

Das ist die Pointe, die man aushalten muss: Eine Bewegung, die sich „Gen Z“ nennt und deren konkreteste Forderungen die Schule und die Psychotherapie betreffen, wird auf der Straße von Leuten repräsentiert, die beides lange hinter sich haben – und sie wird mit einem Vokabular artikuliert, das älter ist als die meisten Teilnehmer. Adorno hätte darin vermutlich keine Jugendbewegung gesehen, sondern deren Verwaltung.

Junge vermummte Frau mit Kufiya
Unverzichtbarer Teil des Demo-Schicks: die Kufiya, Symobl der Hamas-Gewalt.
Foto: Carsten Prueser

Was danach kam, haben wir nicht gesehen. Wir geben es wieder, wie es Polizei und Agenturen berichten, und mit dem Vorbehalt, den das verlangt. Demnach wurde der Zug wegen Pyrotechnik und Vermummung mehrfach gestoppt und am frühen Abend nach Böller- und Steinwürfen aufgelöst. Danach eskalierte die Lage auf der Zeil – die auf der angemeldeten Route gar nicht lag: eingeschlagene Scheiben, geplünderte Sneaker-Läden, Böller und Flaschen auf Polizisten, Barrikaden am Eschenheimer Tor, Brandsätze, zwei Wasserwerfer, ein Panzerwagen der Bundespolizei, Tränengas, über 1.000 Einsatzkräfte, SEK. In der Berliner Straße wurde ein Waffengeschäft aufgebrochen; Waffen wurden entwendet und zwei davon nach Polizeiangaben wieder sichergestellt. Mehr als dreißig Festnahmen bis zum späten Abend, gegen ein Uhr nachts eine rund hundertköpfige Gruppe festgesetzt. Die Zeil zwischen Konstablerwache und Hauptwache wurde geräumt. Dazwischen, so die FAZ, ein als Batman verkleideter Mann, der vor einer Mülltonne das Peace-Zeichen zeigte – es war schließlich Halloween.

Halloween
Halloween an der Weseler Werft. Foto: Carsten Prueser

Ob die, die abends Scheiben einschlugen, dieselben waren, die mittags an der Werft standen, weiß zu dieser Stunde niemand. Die Initiative sagt nein und distanziert sich; sie hatte vorher zu friedlichem Protest aufgerufen, vor Glas, Waffen und Vermummung gewarnt. Die Polizei sagt, sie werde die Tätergruppen bewerten. Die Landesregierung hat ihre Bewertung schon: Ministerpräsident Rhein spricht von Gewaltexzessen, Innenminister Poseck von einer „verheerenden Verbindung von Linksextremisten und gewalttätigen jungen Menschen“ und fordert frühzeitiges, hartes Durchgreifen. Die CDU-Generalsekretärin hat die bemerkenswerteste Formulierung des Tages geliefert: Ein inhaltliches Ziel der Demonstrationen sei bis zuletzt fraglich geblieben – für einige der perfekte Deckmantel für Gewalt.

Man kann das als billigen Reflex abtun, und es ist einer. Aber man sollte sich die Diagnose nicht deshalb ersparen, weil die Falschen sie stellen. Die Leerstelle war da. Wir haben sie an der Werft gesehen, mittags, bei Tageslicht, lange bevor der erste Böller flog. Wo eine Bewegung ihre eigenen Forderungen auf Pappkarton in die zweite Reihe stellt und die erste Reihe dem Ritual überlässt, da ist der Raum, der sich füllen lässt – von Livestreamern, die ihn als Bühne nutzen, von Nachzüglern, die ihn als Gelegenheit nutzen, und schließlich von einem Innenminister, der ihn als Beleg nutzt. Die Leerstelle gehört niemandem, und genau darum nimmt sie jeder.

Das Bemerkenswerte an diesem Samstag ist, dass alle Beteiligten ihren Text schon hatten, bevor der Tag ihn schrieb. Um 14:48 Uhr, an der Werft, warfen die Redner den Medien vor, mit Berichten über Gewalt von den eigentlichen Anliegen abzulenken – zu einem Zeitpunkt, an dem es keine Gewalt gab, über die man hätte berichten können. Um 19:20 Uhr sprach der Innenminister von „ungefähr 100 linksextremistisch motivierten Gewalttätern“ – zu einem Zeitpunkt, an dem die Zeil noch unversehrt war und die Plünderungen zweieinhalb Stunden entfernt. Die Zahl war nicht gezählt, sie war vorhergesagt: Die Lageeinschätzung vom Vortag hatte achtzig gewaltbereite Linksextremisten angekündigt, dazu „erlebnisorientierte Jugendliche“, und die Händler in der Goethestraße hatten ihre Schaufenster bereits am Freitagabend mit Holzplatten verschlagen. Noch um 23 Uhr, Panzerwagen auf der Zeil, erklärte die Polizei selbst, ob die Plünderungen mit der Demonstration zusammenhingen, sei unklar. Der Minister wusste es da schon seit vier Stunden. Die Bewegung hatte ihre Klage über die Berichterstattung fertig, bevor es etwas zu berichten gab; der Staat hatte seine Täter gezählt, bevor sie etwas getan hatten; und die Zeitung, die beides hätte prüfen können, schaute abends auf dieselben Streams wie der Rest der Stadt. Was fehlte, war jemand, der einfach nur hinsieht. Deshalb ist die Leerstelle keine Metapher. Sie ist eine Beobachtung.

Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob die Jugend radikal ist. Es ist die Frage, warum die Jugend, die tatsächlich betroffen ist – von kaputten Schulen, von Wartezeiten auf Therapieplätze, von einer Wehrpflichtdebatte, die über ihre Köpfe hinweggeführt wird –, an der Werft so wenig vorkam. Vielleicht war sie zu Hause und hat die Streams geschaut. Vielleicht hat sie gelernt, dass die Demo ein Format ist, das anderen gehört. Vielleicht regelt die Gen Z längst, nur nicht da, wo man sie sucht.

Am 20. November will die Initiative wieder mobilisieren, diesmal europaweit. Wir werden berichten, was Gen Z dann so geregelt kriegt.